20.05.2021

Johannes Groschupf: Berlin Heat


2021, Suhrkamp Verlag, Berlin 




****½






Der erste Satz

Das Wettbüro Arena in der Potsdamer Ecke Pohlstrasse ist am Mittag nahezu leer. 


Das Buch

Tom Lohoff will im Wettbüro einen Gewinn abholen, den er wahrscheinlich gleich wieder verzocken wird. Doch kaum liegen die 320 Euro auf dem Tresen schaltet ein anderer Spieler in den Berserkermodus. Mit einer Axt zertrümmert er die halbe Einrichtung und verlangt sein Geld zurück. Toms Gewinn steckt der Amok gleich mit ein. Tom verdrückt sich, bevor die Schläger des Wettbüroinhabers zur Stelle sind. Dabei bräuchte er das Geld dringend: «Wie manche im letzten Winter die Infektionszahlen gelesen haben, 12'473 am Montag, 17'377 am Dienstag, 18'874 am Mittwoch, so wach ich jeden Morgen auf und überschlage meine Schulden.»


So beginnt der neue Thriller «Berlin Heat» von Johannes Groschupf, der vor zwei Jahren mit «Berlin Prepper» Furore machte. Tom, der Icherzähler, ist ein Zocker, ein Loser. Er verwaltet ein paar Wohnungen, die seinem Vater gehören, vermietet sie an Touristen, die jetzt, nach Corona, wieder kommen. Doch dann gabeln ihn zwei dubiose Typen in einer Spielhalle auf. Sie brauchen sofort eine Wohnung. Und schon steckt Tom mitten in der Entführung eines AfD-Politikers, die Schlagzeilen macht. 


Es ist heiss in diesem ersten Sommer nach Corona in Berlin, sowohl was die Temperatur angeht, wie auch die Stimmung. «Die Stadt sirrt und kommt einfach nicht runter, vibriert vor Adrenalin und innerer Wut. Corona hat uns um ein ganzes Jahr betrogen. Um anderthalb Jahre. Wir haben Pickel vom endlosen Warten. Jetzt ist es genug. Ganz Berlin kratzt sich, ritzt sich manisch, auf einmal sind alle draussen unterwegs», beschreibt Groschupf. «Alle wollen sich treffen, wollen was trinken, die Nacht durchtanzen, sinnlos eskalieren, herumlaufen, sich prügeln, in den Parks vögeln, egal mit wem, egal wann.»


«Berlin Heat» ist ein flirrender Post-Corona-Noir-Thriller um einen Spieler und Verlierer, der sich «mit hundertvierzig Sachen in die Scheisse» reitet. Es geht um Drogen, Partys, Sex, um rechte Politiker, Neonazis, Amokläufer. Um Berlin als Stadt zwischen Höhenflug und Absturz. Und immer wieder ist Corona ein beiläufiges Thema. «Der Wagen riecht nach Desinfektionsmitteln. Er riecht wie das Jahr 2020, abgestanden und ausweglos.»


Groschupf zeigt sich erneut als virtuoser Erzähler mit trockenem Humor und scharfem Blick für alltägliche Absurditäten. Sowohl der Sprachfluss, der einen unweigerlich mitzieht, wie die lakonischen Schilderungen vom Rande der Gesellschaft erinnern an den frühen Jörg Fauser, vor allem an dessen grossartige Erzählung «Alles wird gut» aus dem Jahr 1979. Wie eine kleine Verneigung vor dem legendären Autor liest es sich denn auch, wenn Groschupf seinen tristen Helden sagen lässt: «Alles wird gut.»


Der Autor

Johannes Groschupf, geboren 1963 in Braunschweig, wuchs in Lüneburg auf. Er studierte Germanistik, Amerikanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Er war viele Jahre als Reisejournalist unter anderem für «Die Zeit», «Frankfurter Allgemeine» und «Frankfurter Rundschau» in der ganzen Welt unterwegs. 


1994 überlebte er einen Hubschrauberabsturz in der Sahara, bei dem er schwere Verbrennungen erlitt. Vier Jahre später veröffentlichte er das Radio-Feature «Der Absturz», in dem er sich mit diesem Unfall und den Folgen auseinandersetzte; er wurde dafür mit dem den Robert-Geisendörfer-Preis ausgezeichnet. 


Seither schreibt er Bücher, zunächst Romane für Jugendliche wie «Lost Places» (2013), «Der Zorn des Lammes» (2014), «Das Lächeln des Panthers» (2015), «Lost Girl» (2017) und «Lost Boy» (2017). Für seinen Thriller «Berlin Prepper» (2019; Suhrkamp) wurde er mit dem Deutschen Krimipreis 2019 und dem Politkrimipreis der Heinrich-Böll-Stiftung ausgezeichnet. Er hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder und lebt in Berlin.



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