14.08.2014

Jim Nisbet – Die Krake auf meinem Kopf

(«The Octopus On My Head», Dennis McMillan Publications, 2007)

Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller

2014, Pulp Master, Berlin, 320 Seiten

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Der erste Satz
Ivy Pruitt wohnte in einer kleinen Bude über einer Garage in Oakland, ein Stockwerk hoch, einfach über eine Aussentreppe an der Rückseite des Hauses.

Das Buch
Junkies, die französische Gedichte rezitieren und angesichts des aus dem Kamin des nahen Krematoriums aufsteigenden Rauchs über die Endlichkeit des Lebens philosophieren. Ein begnadeter Jazzdrummer, der statt noch Musik zu machen nach dem nächsten Drogenrausch giert und sich dafür für ein Musikhaus als Geld-eintreiber verdingt. Ein völlig durch-geknallter Serienmörder, der eine abgedrehte Art von russischem Roulett spielt. Ein arabischer Kneipenwirt in San Francisco, der den in die Jahre gekommenen Punkrocker Curly Watkins, der das alles überlebt hat, am Ende für seine Kundschaft patriotische Lieder singen lässt. Solche Figuren bilden das Personal dieses ziemlich schrägen Romans. Ein verrücktes Stück irgendwo zwischen hartem Noir-Thriller und delirierender Beat-Generation-Poesie von einem begnadeten Erzähler, dessen – glücklicherweise gut übersetzten – Beschreibungen man immer mal wieder gleich noch ein zweites Mal liest. Etwa wenn Curly, der Musiker, dem als bleibende Erinnerung an die wüsten Punkzeiten ein riesiges Krakentattoo auf dem Kopf geblieben ist, eine alte Freundin anschaut:

Ich betrachtete Lavinia von der Seite. Ihr Profil verriet die Jahre mit Heroin – war es so oder war es so? So schlecht sah sie eigentlich gar nicht aus. Ihr Gesicht war leicht aufgedunsen und eines Tages wäre da auch ein Doppelkinn. Aber ihre veilchenblauen Augen hatten einen zarten, wenn auch falschen Wimpernkranz und der hennafarbene Pony, der sich über ihrer markanten Stirn wölbte, besänftigte das grelle Licht des Mittags wie ein kaltes Bier den Kater – nein, besänftigen es wie einen Heiligenschein. Die Madonna des Mohns. Hübsch.

Und auch die Dialoge zwischen Curly und Lavinia haben es in sich:

«Du kannst eine Ratte mit einer Pistole erledigen?»
«Na klar. Aber wenn sie Trägerin des Pestbazillus ist, möchte ich, dass sie am Leben bleibt.»
«Lavinia …»
«Ja, Curly?»
«Ist diese düstere, pessimistische Sichtweise auf die Menschheit und das Schicksal der Erde das, was dich zusätzlich mit Ivy Pruitt verbindet?»
«Das und das Fernsehen. Bis er den Apparat verpfändet hat.»
«Wahrhaftig eine Spirale in die Hölle.»
Sie nickte. «Das Ausmass des Absturzes befreite Ivy von zwei Abhängigkeiten.»
«Von dir und dem Fernsehen?»
«Ja.»
«Die er durch die eine grosse Abhängigkeit ersetzte?»
«So könnte man es sagen.»

Ein konventionell strukturierter Kriminalroman ist von diesem Autor kaum zu erwarten. Ist zunächst Curly Watkins der Ich-Erzähler, so nimmt Nisbet den Leser zwischendurch über einige Dutzend Seiten hinweg mit auf eine schauerliche Geisterbahnfahrt durch das Hirn des Serienkillers.

Er hörte den schweren Atem der Gestalt, die an der Eingangstür lag. Vermutlich eine zertrümmerter Kieferhöhle. Nummer zwei, das Mädchen, würde er unten verstauen. Klang irgendwie nach Seemannsprache. Verstau’n Sie sie unter Deck, Bootsman! Wenn er nur einen Bootsmann hätte. Legen Sie sie in Ketten! Aye, aye, Sir! Machen Sie alles für das Klistier fertig! Wird sofort erledigt, Skipper! (…) Der Bootsmann blieb am Niedergang stehen, seine Faust umschloss den Haarschopf des Mädchens, das wie eine abgeschossene Ente in der Luft baumelte.

Kein Buch für Leser, die Krimis nach dem 08/15-Schema lesen wollen. Aber unbedingt empfehlenswert für alle, die starke Erzähler abseits des literarischen Mainstreams zu schätzen wissen.

Der Autor
Jim Nisbet, *1947 in Schenectady, NY, studierte an der University of North Carolina, bevor er sich in San Francisco niederliess. Er publizierte seit Ende der 1970er-Jahre mehrere Lyrikbände und rund ein Dutzend Romane. «Lethal Injection» (1987) und «Dark Companion» (2004) erschienen auf Deutsch bei Pulp Master als «Tödliche Injektion» (2010) und «Dunkler Gefährte» (2009).

Der letzte Satz
Als ich die Einleitung zum ersten Stück auf der Liste improvisiert hatte, waren die Frauen bereits weitergezogen zu einem anderen Tisch.




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