19.02.2015

Richard Stark – The Hunter

(«The Hunter», Permabooks, New York, 1962; später auch als «Point Blank» und «Payback» erschienen)

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

2015, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 191 Seiten (Neuübersetzung; deutsche Erstausgabe: 1968 als «Jetzt sind wir quitt», Deutsch von Brigitte Fock, bei Ullstein, Neuauflage der gleichen Übersetzung 1999 als «Payback»)


*****

Der erste Satz
Als ein junger Kerl mit gesunder Gesichtsfarbe in einem Chevy ihm eine Mitfahrgelegenheit anbot, sagte Parker ihm, er solle sich verpissen.

Das Buch
Parker ist kein netter Mensch. Das macht schon der erste Satz klar. Trotzdem fasziniert er uns, wir verfolgen gebannt seine Abenteuer und leiden sogar ein bisschen mit ihm, wenn wieder einmal alles gegen ihn läuft.
Parker, kein Vorname, wahrscheinlich heisst er eh nicht so, ist ein Krimineller. Ein Dieb, ein Räuber. Nicht etwa ein charmanter Gentleman-Einbrecher. Wenn ihm jemand im Weg steht, wird er mit roher, auch finaler Gewalt weggeräumt.
Parker ist der «Nicht-Held» in 24 Romanen, die Donald E. Westlake als Richard Stark zwischen 1962 und 2008 geschrieben hat (siehe unten: Der Autor). Die Parker-Serie ist – zusammen mit der Wyatt-Reihe des Australiers Garry Disher – die beste Reihe mit einem Kriminellen als Hauptfigur in der Kriminalliteratur. 
Parker beschafft sich mit zwei, drei Coups pro Jahr mit wechselnden Kollegen das Geld, um ein angenehmes Leben zu führen. Nicht immer sind die Kumpel so zuverlässig, wie sie sein sollten, und es kommt auch immer wieder zu üblem Verrat. So auch in «The Hunter», wo Parker Jagd auf Mal macht. Der ist nach einem spektakulären Ding mit der ganzen Beute abgehauen und meinte, Parker tot zurückgelassen zu haben. Geholfen hat ihm dabei Parkers Freundin. Nachdem Parker aus dem Knast, wo er zwischenzeitlich wegen Landstreicherei sass, ausgebrochen ist, treibt er seine nunmehr Ex in New York auf.

Er hasste sie. Er hasste sie, und er liebte sie, und weder das eine noch das andere hatte er je für jemanden empfunden. Niemals Liebe, niemals Hass, für niemanden. Mal, klar, Mal würde er umbringen, aber das hatte nichts mit Hass zu tun. Da gab es eine Rechnung zu begleichen, ein Konto abzuschliessen. Da gab es Wut, da gab es Zorn und Stolz, aber mit Hass hatte das nichts zu tun.

Parker ist ein einsamer Jäger, der nicht viel Emotionen zeigt, der sich aber kompromisslos durchzusetzen weiss. Er schreckt dabei auch nicht vor der Mafia zurück, der Mal das Geld übergeben hatte, um eine alte Schuld zu begleichen. Parker will sein Geld, und basta.
«The Hunter», jetzt in neuer Übersetzung neu aufgelegt, ist der erste Parker-Roman. Ein Paukenschlag. 1962! Schnörkellos und beinhart ist die Geschichte erzählt, direkt, ohne Umwege, keine 200 Seiten lang. Etwas gewalttätiger noch als die späten Parker-Romane. Dass uns dabei so fesselt, was Parker tut und was mit ihm geschieht, zeigt, was für ein grossartiger Autor Westlake war. Es gelingt ihm, wie allen guten Krimis, nicht nur eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch einen tiefen Einblick in das Innere einer faszinierenden Figur zu geben.
Ein Meisterwerk. Ein Meilenstein in der Geschichte der Kriminalliteratur.


Der Autor
Richard Stark ist eines der vielen Pseudonyme von Donald E. Westlake (*1933 in New York, † 2008 in San Tancho, Mexico). Auch wenn er im deutschsprachigen Raum weniger bekannt ist als in den USA und etwa auch in Frankreich, zählt Westlake zu den bedeutendsten Hardboiled-Autoren; er schrieb über 100 Romane und ist vielfach preisgekrönt. Der Gangster Parker ist seine bekannteste Figur – er ist weder Held noch Antiheld; er wurde schon als «Non-hero» bezeichnet. Nach «The Hunter» (1967 von John Boorman mit Lee Marvin als «Point Blank» erfolgreich verfilmt) schrieb Westlake bis 1974 15 weitere Parker-Romane. Nach einer langen Pause gab Parker 1997 ein «Comeback», so der Originalitel des ersten Romans der späten Parker-Serie, und es folgten 7 weitere Titel, bis Westlake an Silvester 2008 im Urlaub in Mexiko einem Herzinfarkt erlag. Die 8 neuen Parker-Romane sind seit 2009 vom Paul Zsolnay Verlag auf Deutsch herausgebracht worden – sehr empfehlenswert! Die meisten Titel der frühen Parker-Serie sind in den 1960er- und 1970er-Jahren bei Ullstein erschienen.

Der letzte Satz
Vielleicht würde er aber auch auf die Keys gehen.


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