05.10.2015

Maurizio de Giovanni – Das Krokodil

(«Il Metodo del Coccodrillo», Arnoldo Mondadori Editore, Milano, 2012)

Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem

2014, Kindler/Rowohlt Verlag, Reinbek; 2015, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 335 Seiten


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Der erste Satz
Der Tod kommt um acht Uhr vierzehn auf Gleis drei an, mit sieben Minuten Verspätung.

Das Buch
Inspektor Giuseppe Lojacono sitzt an einem Schreibtisch in einer Polizeidienststelle in Neapel und spielt Poker gegen den Computer. Seit gut zehn Monaten. Er wurde von Sizilien hierher strafversetzt, nachdem ein Mafioso ihn an als Informanten genannt hatte. Die Vorgesetzten wollen in hier aussen vor lassen, es hat seine Zeit abzusitzen und damit hat es sich. Lojacono hadert mit seinem Schicksal, mit der Trennung von seiner Familie, vor allem von der Teenager-Tochter. Aber auch mit der neuen Stadt.

Eine Stadt, die so ganz anders war, als er es sich vorgestellt hatte, misstrauisch, klamm und dunkel, viel verschlossener und undurchsichtiger, als es zunächst den Anschein macht. Eine Stadt, in der jeder darauf bedacht war, nicht in Schwierigkeiten zu geraten, in der man nur mit seinem eigenen Kram beschäftigt war, stets auf dem Sprung. Eine Stadt, die einem zwischen den Fingern zerrann, die sich urplötzlich verflüssigte oder in Luft auflöste.

Eines Nachts, er wurde zum Bereitschaftsdienst eingeteilt, weil die anderen Beamten nicht wollten und es ihm egal war, ob er die Nacht lang in seinem Zimmer oder im Büro an die Decke starrte, passiert etwas, und Lojacono ist der erste Beamte am Ort eines Mordes. Er wird dann gleich wieder weggeschickt, als die anderen kommen. Doch er hat sich den Tatort gut angesehen, und er ist überzeugt, dass die Tat nicht auf das Konto der Camorra ging.  Wie stellt er doch einmal fest:

«In dieser Stadt wird die Camorra wie ein Auffangnetz betrachtet: Alles, was Schreckliches passiert, wird ihr zugeschrieben, direkt oder indirekt.»

Staatsanwältin Laura Piras, auch sie, wie meisten Figuren in diesem Buch, eine, die unter einem Verlust leidet, hat gehört, dass der seltsame, schweigsame Beamte nicht an die Camorra-Theorie der Ermittler glaubt, und als sie nicht weiterkommen, zieht sie ihn bei. Zusammen kommen sie einem unheimlichen Rächer auf die Spur. Aber noch rechtzeitig genug?
Es ist eine düstere Geschichte, die Maurizio de Giovanni gekonnt entwickelt und eindrücklich erzählt. Eindringlich und einfühlsam bringt er dem Leser die Leiden seiner Figuren nahe. Noir auf Italienisch. Zwischendurch wird die stets greifbare Melancholie fast schon poetisch:

Wenn es regnet, kann man das Morgengrauen nicht heraufziehen sehen. Plötzlich ist es da. Während man noch an etwas anderes denkt, ist es auf einmal da und schaut einen an.
Man spürt es in der Luft. Man sieht, wie die Nacht den Regen allmählich abstreift, und plötzlich ist da ein fahles Licht, transparent wie ein feuchtes Seidentuch.
Langsam senkt es sich herab, wie eine Krankheit. Es legt sich auf die rauchgrauen Bäume, benetzt die Mauern mit seinen Tränen, nimmt den Pflastersteinen ihren Glanz.
Ein solches Morgengrauen lässt einem den Atem stocken. Wer trauert und nicht schlafen kann, dem fügt es weiteren Schmerz hinzu.


Der Autor
Maurizio de Giovanni, *1958 in Neapel, studierte Literatur, arbeitete aber hauptberuflich auf einer Bank. Seit 2005 veröffentliche er zahlreiche Bücher, darunter insbesondere eine Serie um Commissario Ricciardi, die bisher zehn Bände umfasst; vier davon sind auf Deutsch bei Suhrkamp/Insel erschienen. «Das Krokodil», der erste Fall in der Serie um Inspektor Lojacono, wurde 2012 mit dem Premio Scerbanenco, dem wichtigsten italienischen Krimipreis, ausgezeichnet; das Buch erschien auch in Frankreich, England und in den USA. Inzwischen ist auch der zweite Band, «Die Gauner von Pizzofalcone», auf Deutsch erschienen; in Italien gibt es bereits vier Lojacono-Romane.

Der letzte Satz
«Hallo?»





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