29.12.2015

Paul Colize – Back up

(«Back up», La Manufacture de Livres, Paris, 2012)

Aus dem Französischen von Cornelia Wend

2015, Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg, 352 Seiten


****


Der erste Satz
Larry Speed landete auf dem Flughafen von Mallorca am Samstag, den 18. März 1967, am Nachmittag.

Das Buch
Larry Speed überlebt den Aufenthalt auf Mallorca nicht. Auch die drei anderen Mitglieder der in Berlin ansässigen englischen Band Pearl Harbor gehen in diesen Tagen unter mysteriösen und nie geklärten Umständen über den Jordan. Nur der belgische Back-up-Schlagzeuger, der bei der Aufnahme in Berlin, die zum Tod der Bandmitglieder führte, den eigentlichen Drummer ersetzte, überlebte.
In parallelen Handlungssträngen erzählt Paul Colize einerseits die Geschichte des Schlagzeugers von seiner Jugend in Belgien über das unheimliche Abenteuer in Berlin, seine Flucht nach Paris, später nach London und nach Montreux, anderseits über dessen Auftauchen 2010 in Brüssel, wo er als offenbar Obdachloser von einem Auto angefahren wird und mit dem sogenannten Locked-In-Syndrom im Krankenhaus erwacht.
Die Verschwörungstheorie, die dem Plot zugrunde liegt, mag etwas abenteuerlich sein, doch Colizes Ausflüge in die Musikszene der Sixties sind sehr stimmungsvoll, der Roman ist raffiniert aufgebaut und spannend. Der Autor ist auf Deutsch eine Entdeckung.

Der Autor
Paul Colize, *1953 in Brüssel, hat mehrere Krimis geschrieben und ist mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden. Insbesondere der Nachfolger von «Back up», «Un long moment de silence», 2013, erhielt mehrere Preise. «Back up» ist das erste Buch von Colize, das ins Deutsche übersetzt wurde. Colize lebt in Waterloo in der belgischen Provinz Wallonisch-Brabant.

Der letzte Satz
Er achtete nicht auf die Männer, die ihm folgten.


Hilda Papadimitriou – Für eine Handvoll Vinyl

(«Για Μια Χούφτα Βινύλια», 2010, εκδόσεις Μεταίχμιο, Athen)

Aus dem Griechischen von Gesa Singer

2015, Grössenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 293 Seiten


*

Der erste Satz
Stamatis legte seine Zigarette gelangweilt am Rand des Aschenbechers ab und erhob sich, um die Aussentür zu öffnen.

Das Buch
Ich hatte mich richtig gefreut auf dieses Buch mit dem witzigen Umschlag, der ein Plattencover der Beatles zitiert, auf diesen Krimi aus einer dafür eher exotischen Gegend, der im Plattenladenmilieu spielt.
Doch die Lektüre macht leider keine Freude. Man quält sich durch ausführliche, aber uninteressante Detailbeschreibungen und langatmige Dialoge. Dazu nervt die deutsche Übersetzung mit so vielen Fehlern (Kommas, Genitive und anderes), dass man sich fragt, ob jemand den Text durchgelesen hat, bevor er in Druck ging. Neben Satzzeichen- und Grammatikfehler gibt es aber auch inhaltliche Fehler:
«Er begleitete Charis, Tatyana und ihre Freundinnen gern ins Kino», heisst es etwa, wo gemeint wäre: «Charis begleitete Tatyana und ihre Freundinnen gern ins Kino.»
Und wir lesen so grauenhaft unbeholfene Sätze wie:
Beim Kaffeetrinken im Anschluss an die Beerdigung von Tante Katerina machte seine Mutter den Kommentar, dass Sonia aussähe wie das Bild eines Renaissancemalers, mit ihren lockigen schwarzen Haaren und ihren blauen Augen.

Nach 50 Seiten, während denen ich mich nicht nur langweilte, sondern auch über nicht endende Holprigkeiten und Schludereien ärgerte, habe ich aufgegeben.

Die Autorin
Hilda Papadimitriou, *1957 in Athen, studierte Jura, bevor sie von ihren Eltern einen Schallplattenladen übernahm, der inzwischen geschlossen wurde. Sie übersetzt Texte aus Kunst, Musik und Literatur und schreibt Kolumnen über Musik und Kunst.

Der letzte Satz
Dann wandte sie sich wieder Evi zu.


28.12.2015

Richard Price – Die Unantastbaren

(«The Whites», 2015, Henry Holt & Company, New York)

Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow

2015, S. Fischer, Frankfurt am Main, 427 Seiten


****1/2


Der erste Satz
Als Billy Graves auf seinem Weg zur Arbeit die Second Avenue runterfuhr, ärgerten ihn die vielen Menschen: morgens Viertel nach eins, und noch immer drängten weit mehr Leute in die Bars, als rauskamen, und mussten sich in beide Richtungen durch wogende Knäuel angesoffener Raucher wühlen, die direkt vor den Eingängen standen.

Das Buch
Billy Graves schiebt Nachtschicht als Detective der New Yorker Polizei.

Es gab echte Draufgänger, selbst im Nachtdienst, aber zu denen gehörte Billy nicht. Er hoffte eigentlich immer, dass im nächtlichen Chaos von Manhattan für sein Team nichts Ernstes anfiel, nur Kleinscheiss, den man der Streife rüberschieben kann.
(…)
Er war zwar erst zweiundvierzig, aber sein Knitterzellophanblick gepaart mit einer exquisiten Schlaflosenpose hatte ihm schon mal eine Seniorenermässigung fürs Kino eingebracht. Der Mensch war nicht dazu gemacht, erst nach Mitternacht mit der Arbeit anzufangen – Ende der Durchsage, scheiss auf die Zuschläge.

Neben der zermürbenden Nachtarbeit machen Billy Graves derzeit zwei Sachen schwer zu schaffen. Einerseits ist da eine Gruppe von Freunden, alles ehemaligen Kollegen, mit denen er sich regelmässig trifft. Jeder von ihnen hat seinen Dämon, der ihm nie aus dem Kopf geht: einen Mörder, bei dem die zulässigen Beweise nicht dafür reichten, ihn hinter Gitter zu bringen. Und nun werden diese «Unantastbaren», einer nach dem anderen, aus dem Verkehr gezogen. Üben seine Freunde Selbstjustiz? Wie soll er darauf reagieren? Andererseits werden Billy und seine Familie von einem Stalker heimgesucht, einem Polizisten, dessen Geschichte in parallelen Kapiteln erzählt wird.
Price pflegt einen harten, realistischen Stil, gepaart mit schwarzem Humor, allerhand Situationskomik und präzisen Dialogen.

Die Nacht entwickelte sich zu einer weiteren Nullrunde, der einzige Einsatz bisher führte um vier Uhr früh an einen Aussentatort im West Village, wo ein Hausbesitzer im Garten von seinem Rasenmäher angeschossen worden war. Die scharfe 357er-Patrone, die zuvor im Gras geschlummert hatte, war von den Rotorblättern angesogen und gezündet worden und dann aus dem hinteren Teil des Geräts in seine Eier gefeuert.
Als Billy und Stupak am Tatort eintrafen – Schüsse waren nun mal Schüsse –, durchkämmten die Sprengstoffexperten bereits den Garten nach weiteren Blindgängern, und irgendein Witzbold hatte den Luxusrasenmäher mit Handschellen an eine Laterne gekettet.
«Wer bitte schön mäht denn um vier Uhr morgens seinen Scheissrasen», fragte der Schichtführer.
«Mich persönlich würde ja mal interessieren, wie die Patrone überhaupt in seinen Garten gelangt ist.» Billy gähnte. «Irgendwelche Anhaltspunkte?»
«Wir hatten letzten Monat Probleme mit irgendwelchen Primaten aus New Jersey, aber nichts mit Waffen.»

Das ist die Art von Alltag bzw. Allnacht, in der Billy Graves steckt, während er wegen der Abgänge der Unantastbaren in einem moralischen Dilemma steckt und der unheimliche Stalker den Druck verstärkt.
Richard Price ist ein grossartiger Roman gelungen, der unglaublich spannend und witzig ist, jedoch gleichzeitig gewichtige Fragen um Recht und Gerechtigkeit, um Schuld und Rache, um Verantwortung und Moral aufwirft, ohne aber simple Antworten darauf zu haben oder gar zu moralisieren.

Der Autor
Richard Price, *1949 in New York City, ist in einer Sozialsiedlung in der Bronx aufgewachsen. 1974 erschien seit erster Roman «The Wanderers» über eine Jugendgang in der Bronx (1979 von Philip Kaufman verfilmt). Price veröffentlichte seither mehrere Romane, mehrheitlich Polizeigeschichten, und schrieb Drehbücher für bekannte Filme wie «The Color of Money» (1986; Regie: Martin Scorsese), «Sea of Love» (1989; Regie: Harold Becker) und «Shaft» (2000; Regie: John Singleton) sowie für mehre Folgen der Polizei-Serie «The Wire».

Der letzte Satz
Sie betrachtete ihn ausdruckslos, und Billy war sich unsicher, ob sie ihn nicht verstanden hatte, oder ob es ihr egal war; dennoch so fand er, war es ein ganz passables Happy End.