01.04.2016

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

(«The Marauders», Crown Publishing/ Penguin Random House Company, New York, 2015)

Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg

2016, Ullstein, Berlin, 384 Seiten


****


Der erste Satz
Sie tauchten aus dem dunklen Schlund des Bayou auf wie Gespenster, erst ein geisterhaftes Licht im Nebel, dann das Rattern des Motors: ein Aluminium-Rennboot, das über lackschwarzes Wasser schoss.

Das Buch
Weiss der Teufel, was die Verantwortlichen des deutschen Verlags geritten hat, diesem Roman den Titel «Das zerstörte Leben des Wes Trench» zu geben. Der Titel setzt nicht nur ein falsches Gewicht, er stimmt auch grundsätzlich nicht. Das hat dieses starke Debüt weiss Gott nicht verdient. Der Roman heisst «The Marauders», und «Die Plünderer» würde als deutscher Titel perfekt passen.
Wes Trench ist zwar durchaus eine zentrale Figur in dem Roman, doch nur eine von mehreren. Der Roman, der an der Barataria Bay südlich von New Orleans spielt, wo die Shrimp-Fischer, welche die Folgen des Hurricanes Katrina, nicht die physischen und schon gar nicht die psychischen, noch längst nicht überstanden haben, nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe ihr Geschäft von Tag zu Tag mehr kaputtgehen sehen.
Tom Cooper wechselt von Kapitel zu Kapitel von einer Figur zur anderen und erzählt aus dem jeweiligen Blickwinkel. Im Verlauf des Romans beginnen sich die Geschichten der einzelnen Figuren mehr und mehr zu verknüpfen.
Da sind einmal die Brüder Toups, die auf einer Insel im Bayou spitzenmässiges Gras anbauen. Dafür interessieren sich auch andere, etwa Cosgrove und Hanson, die nach der Ölkatastrophe aus New Orleans an die Bay gezogen sind, um für 15 Dollar in der Stunde ölverschmierte Pelikane und andere Wasservögel zu waschen – und in der Freizeit die Marihuana-Insel der Toups-Brüder zu suchen. Lindquist, ein tablettensüchtiger einarmiger Shrimp-Fischer, dem seine teure Prothese gestohlen wurde, sucht mit dem Metalldetektor nach alten Piratenschätzen. Der junge Wes Trench verkracht sich beim Shrimp-Fischen mit seinem Vater, heuert bei Lindquist an und arbeitet schliesslich an seinem eigenen Boot weiter. Er hat neue Ideen für die direkte Vermarktung der Shrimps – wenn denn mal wieder jemand etwas aus dem ölverseuchten Bayou essen mag. Und dann ist da noch Grimes, der aus der Gegend stammt, sie aber schon lange verlassen hat und jetzt im Auftrag der Ölgesellschaft vor Ort ist:

Also schickte die Ölgesellschaft Grimes los, der den Betroffenen die Hand schütteln, sich ihre Geschichten anhören, ihnen Trost spenden und Zusicherungen machen sollte. Vor allem aber sollte er Unterschriften sammeln. Mit einer Einigung über eine Zahlung von, sagen wir mal, zehntausend Dollar, ein Almosen im Vergleich zu den Summen, die British Petroleum wohl im Laufe der kommenden Jahre zu entrichten hatte, konnte sich die Gesellschaft vor weiteren Ansprüchen schützen. Lieber jetzt das Scheckbuch zücken und Schadensersatz leisten, bevor in ein paar Jahren das wahre Ausmass der Ölkatastrophe an die Öffentlichkeit kam.

Während Grimes die Kläger, darunter auch seine eigene Mutter, über den Tisch zu ziehen versucht, sehen die Toups-Brüder ihre Insel durch Schatzsucher Lindquist bedroht und setzen ihm schon mal einen Zwei-Meter-Alligator ins Schlafzimmer. Wes Trench, den der Tod seiner Mutter im Hurricane Katrina belastet, sucht seinen eigenen Weg beim Erwachsenwerden in dieser schwierigen Zeit.
Es ist beeindruckend, wie Tom Cooper aus all diesen Geschichten der verschiedenen Protagonisten packend ein düsteres Gesellschaftsbild zeichnet

Der Staat Louisiana, bemerkte Wes’ Vater häufig, würde für immer dumm dastehen. War schon immer so, würde immer so bleiben. Seiner Meinung nach gab es kein korrupteres Stück Land als dieses hier. Was sollte man aber auch von einem Aussenposten der Zivilisation erwarten, der von Gesetzlosen und Zigeunern aus dem Sumpf notdürftig zusammengeschustert worden war? Ein Ort, der in jungen Jahren zwischen den Staaten hin- und hergeschoben worden war wie ein ungewolltes Kind? Man brauchte sich nur die Beweise anzuschauen. Beamte, die mit Staatsgeldern im Gefrierschrank und Nutten im Bett erwischt wurden. Kandidaten zum Amt des Gouverneurs, die im Gefängnis endeten. Gelder aus Hilfsfonds, die für Swimmingpools, Sportwagen und Palomino-Ponys vergeudet wurden.
Und die Ölgesellschaften: Um Gottes willen, die verfluchten Ölgesellschaften.
Früher oder später, sagte Wes’ Vater, wurden sie alle mit heruntergelassenen Hosen und der Hand in der Keksdose ertappt.

«The Marauders» ist kein Kriminalroman im klassischen Sinn, auch wenn schon mal Blut fliesst und auch sonst kaum etwas einen gesetzestreuen Verlauf nimmt. Es ist eine überraschende Mischung aus Umweltthriller, Entwicklungsroman, Krimi, Politthriller, «Southern Noir», «Southern Gothic». Und dass sich in die ganze Schwärze gegen Ende auch ein Hoffnungsschimmer mischt, tut gut. Ein starkes Stück.

Der Autor
Tom Cooper, *(Jahrgang nicht eruierbar) in Fort Lauderdale, Florida, hat zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Er zog 2010 nach New Orleans, als die Gegend nach dem Untergang der BP-Ölplattform noch unter Schock stand. «The Marauders» ist sein erster Roman.

Der letzte Satz
Irgendjemand.


Keine Kommentare:

Kommentar posten