29.12.2015

Hilda Papadimitriou – Für eine Handvoll Vinyl

(«Για Μια Χούφτα Βινύλια», 2010, εκδόσεις Μεταίχμιο, Athen)

Aus dem Griechischen von Gesa Singer

2015, Grössenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 293 Seiten


*

Der erste Satz
Stamatis legte seine Zigarette gelangweilt am Rand des Aschenbechers ab und erhob sich, um die Aussentür zu öffnen.

Das Buch
Ich hatte mich richtig gefreut auf dieses Buch mit dem witzigen Umschlag, der ein Plattencover der Beatles zitiert, auf diesen Krimi aus einer dafür eher exotischen Gegend, der im Plattenladenmilieu spielt.
Doch die Lektüre macht leider keine Freude. Man quält sich durch ausführliche, aber uninteressante Detailbeschreibungen und langatmige Dialoge. Dazu nervt die deutsche Übersetzung mit so vielen Fehlern (Kommas, Genitive und anderes), dass man sich fragt, ob jemand den Text durchgelesen hat, bevor er in Druck ging. Neben Satzzeichen- und Grammatikfehler gibt es aber auch inhaltliche Fehler:
«Er begleitete Charis, Tatyana und ihre Freundinnen gern ins Kino», heisst es etwa, wo gemeint wäre: «Charis begleitete Tatyana und ihre Freundinnen gern ins Kino.»
Und wir lesen so grauenhaft unbeholfene Sätze wie:
Beim Kaffeetrinken im Anschluss an die Beerdigung von Tante Katerina machte seine Mutter den Kommentar, dass Sonia aussähe wie das Bild eines Renaissancemalers, mit ihren lockigen schwarzen Haaren und ihren blauen Augen.

Nach 50 Seiten, während denen ich mich nicht nur langweilte, sondern auch über nicht endende Holprigkeiten und Schludereien ärgerte, habe ich aufgegeben.

Die Autorin
Hilda Papadimitriou, *1957 in Athen, studierte Jura, bevor sie von ihren Eltern einen Schallplattenladen übernahm, der inzwischen geschlossen wurde. Sie übersetzt Texte aus Kunst, Musik und Literatur und schreibt Kolumnen über Musik und Kunst.

Der letzte Satz
Dann wandte sie sich wieder Evi zu.


28.12.2015

Richard Price – Die Unantastbaren

(«The Whites», 2015, Henry Holt & Company, New York)

Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow

2015, S. Fischer, Frankfurt am Main, 427 Seiten


****1/2


Der erste Satz
Als Billy Graves auf seinem Weg zur Arbeit die Second Avenue runterfuhr, ärgerten ihn die vielen Menschen: morgens Viertel nach eins, und noch immer drängten weit mehr Leute in die Bars, als rauskamen, und mussten sich in beide Richtungen durch wogende Knäuel angesoffener Raucher wühlen, die direkt vor den Eingängen standen.

Das Buch
Billy Graves schiebt Nachtschicht als Detective der New Yorker Polizei.

Es gab echte Draufgänger, selbst im Nachtdienst, aber zu denen gehörte Billy nicht. Er hoffte eigentlich immer, dass im nächtlichen Chaos von Manhattan für sein Team nichts Ernstes anfiel, nur Kleinscheiss, den man der Streife rüberschieben kann.
(…)
Er war zwar erst zweiundvierzig, aber sein Knitterzellophanblick gepaart mit einer exquisiten Schlaflosenpose hatte ihm schon mal eine Seniorenermässigung fürs Kino eingebracht. Der Mensch war nicht dazu gemacht, erst nach Mitternacht mit der Arbeit anzufangen – Ende der Durchsage, scheiss auf die Zuschläge.

Neben der zermürbenden Nachtarbeit machen Billy Graves derzeit zwei Sachen schwer zu schaffen. Einerseits ist da eine Gruppe von Freunden, alles ehemaligen Kollegen, mit denen er sich regelmässig trifft. Jeder von ihnen hat seinen Dämon, der ihm nie aus dem Kopf geht: einen Mörder, bei dem die zulässigen Beweise nicht dafür reichten, ihn hinter Gitter zu bringen. Und nun werden diese «Unantastbaren», einer nach dem anderen, aus dem Verkehr gezogen. Üben seine Freunde Selbstjustiz? Wie soll er darauf reagieren? Andererseits werden Billy und seine Familie von einem Stalker heimgesucht, einem Polizisten, dessen Geschichte in parallelen Kapiteln erzählt wird.
Price pflegt einen harten, realistischen Stil, gepaart mit schwarzem Humor, allerhand Situationskomik und präzisen Dialogen.

Die Nacht entwickelte sich zu einer weiteren Nullrunde, der einzige Einsatz bisher führte um vier Uhr früh an einen Aussentatort im West Village, wo ein Hausbesitzer im Garten von seinem Rasenmäher angeschossen worden war. Die scharfe 357er-Patrone, die zuvor im Gras geschlummert hatte, war von den Rotorblättern angesogen und gezündet worden und dann aus dem hinteren Teil des Geräts in seine Eier gefeuert.
Als Billy und Stupak am Tatort eintrafen – Schüsse waren nun mal Schüsse –, durchkämmten die Sprengstoffexperten bereits den Garten nach weiteren Blindgängern, und irgendein Witzbold hatte den Luxusrasenmäher mit Handschellen an eine Laterne gekettet.
«Wer bitte schön mäht denn um vier Uhr morgens seinen Scheissrasen», fragte der Schichtführer.
«Mich persönlich würde ja mal interessieren, wie die Patrone überhaupt in seinen Garten gelangt ist.» Billy gähnte. «Irgendwelche Anhaltspunkte?»
«Wir hatten letzten Monat Probleme mit irgendwelchen Primaten aus New Jersey, aber nichts mit Waffen.»

Das ist die Art von Alltag bzw. Allnacht, in der Billy Graves steckt, während er wegen der Abgänge der Unantastbaren in einem moralischen Dilemma steckt und der unheimliche Stalker den Druck verstärkt.
Richard Price ist ein grossartiger Roman gelungen, der unglaublich spannend und witzig ist, jedoch gleichzeitig gewichtige Fragen um Recht und Gerechtigkeit, um Schuld und Rache, um Verantwortung und Moral aufwirft, ohne aber simple Antworten darauf zu haben oder gar zu moralisieren.

Der Autor
Richard Price, *1949 in New York City, ist in einer Sozialsiedlung in der Bronx aufgewachsen. 1974 erschien seit erster Roman «The Wanderers» über eine Jugendgang in der Bronx (1979 von Philip Kaufman verfilmt). Price veröffentlichte seither mehrere Romane, mehrheitlich Polizeigeschichten, und schrieb Drehbücher für bekannte Filme wie «The Color of Money» (1986; Regie: Martin Scorsese), «Sea of Love» (1989; Regie: Harold Becker) und «Shaft» (2000; Regie: John Singleton) sowie für mehre Folgen der Polizei-Serie «The Wire».

Der letzte Satz
Sie betrachtete ihn ausdruckslos, und Billy war sich unsicher, ob sie ihn nicht verstanden hatte, oder ob es ihr egal war; dennoch so fand er, war es ein ganz passables Happy End.


22.10.2015

Robert Crais – Unter Verdacht

(«Suspect», Putnam, New York, 2013)

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

2015, Wilhelm Heyne Verlag, München, 430 Seiten


****


Der erste Satz
Maggie starrte Pete mit gespannter, ungeteilter Aufmerksamkeit an.

Das Buch
Robert Crais ist auf den Hund gekommen. In diesem Roman pausieren Elvis Cole und Joe Pike, sonst seine Serienhelden. Die Hauptfiguren sind Scott James, ein Cop in Los Angeles, und Maggie, ein Schäferhund.
Maggie war bei den Marines, bildete mit Pete ein Team. In Afghanistan gerieten sie in einen Hinterhalt und wurden angeschossen. Maggie überlebte, Pete nicht.
Zurück in den USA kommt Maggie, die von den Militärs ausgemustert wurde, versuchsweise zur Polizeihundestaffel in Los Angeles. Dort bereitet sich Scott James auf seine Rückkehr in den Polizeidienst vor. Bei einer Schiesserei ist seine Partnerin erschossen worden, er wurde schwer verletzt. Nachdem er wieder auf den Beinen ist, will Scott keinen Partner mehr, und so kommt er auf den Hund.
Scott und Maggie haben viel gemeinsam. Beide wurden angeschossen und überlebten. Beiden geht es nicht so gut, wie sie vorgeben, psychisch wie körperlich; beide versuchen ihr Hinken zu kaschieren. Sie verstehen sich.
Scott will die Mörder seiner Partnerin finden, doch dann ziehen ihn die Beamten für interne Ermittlungen aus dem Verkehr. Scott macht auf eigene Faust weiter.
Wer Hunde nicht mag oder mit Hunden nichts anfangen kann, wird wahrscheinlich mit diesem Roman auch nicht viel anfangen können. Crais erzählt zwischendurch sogar aus der Sicht des Hundes. Er tut dies sehr fachkundig und einfühlsam. Wie Scott und Maggie zu einem Rudel werden, ist eine sehr emotionale Geschichte. Daneben ist aber auch dieser Roman wie jedes Werk von Crais: knallhart und spannend, mit guten Dialoge und trockenem Humor.

Der Autor
Robert Crais, *1953 in Independence, Louisiana, studierte Maschinenbau. Mit 23 ging er nach Hollywood, wo er zunächst als Drehbuchautor fürs Fernsehen arbeitete (unter anderem für Serien wie «Hill Street Blues», «Quincy», «Cagney & Lacey» und «Miami Vice»). 1987 veröffentlichte er seinen ersten Roman «The Monkey’s Raincoat» (auf Deutsch 1989 als «Die gefährlichen Wege des Elvis Cole» bei Bastei-Lübbe). Die Elvis-Cole/Joe-Pike-Serie umfasst inzwischen 16 Romane, 9 davon sind bisher auf Deutsch erschienen. Crais’ Werke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Er lebt in Santa Monica, Kalifornien.

Der letzte Satz
Sie waren ein Rudel, und beide wussten sie das.