04.11.2014

James Lee Burke – Regengötter

(«Rain Gods», Simon & Schuster, New York, 2009)

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller

2014, Wilhelm Heyne Verlag (Heyne Hardcore), München, 672 Seiten


*****


Der erste Satz
Am Ende eines brennend heissen Julitages im Südwesten von Texas, in einer kleinen Gemeinde, deren einzige wirtschaftliche Bedeutung in einer zwanzig Jahre zuvor von der Umwelt- schutzbehörde EPA geschlossenen Fabrik für Schädlingsbekämpfungsmittel bestanden hatte, hielt ein junger Mann in einem Wagen ohne Frontscheibe an einer verlassenen blau-weiss gestrichenen Tankstelle, die zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise Benzin von Pure Oil verkauft hatte und nun zahlreichen Fledermäusen und Bündeln von Steppenläufern Unterschlupf bot.

Das Buch
Endlich nimmt sich wieder ein deutschsprachiger Verlag dem Werk von James Lee Burke an. Burke, inzwischen 78-jährig, zählt mit seiner 1987 gestarteten Serie um den Cajun-Cop Dave Robicheaux zu den allerbesten Autoren des Genres. Auf die noch nicht übersetzten Robicheaux-Romane müssen wir offenbar weiterhin warten (oder sie auf Englisch lesen). Hauptfigur von «Regengötter» ist der über 70-jährige Sheriff Hackberry Holland, ein Cousin von Billy Bob Holland, einem anderen Burke-Protagonisten, der in einem gottverlassenen Kaff im Südwesten von Texas zum Rechten schaut.
Sozusagen auf Breitleinwand – bzw. auf über 600 Seiten – erzählt Burke auf seine faszinierende Art und Weise eine bitterböse Geschichte aus den Badlands nahe der mexikanischen Grenze, den Soundtrack dazu liefert die junge Vikki Gaddis, die in Kneipen kellnert und dazwischen mit ihrer Gibson-J200-Akustikgitarre und ihrer wunderschönen Stimme die alten Songs der Carter Family darbietet. Vikki ist zusammen mit dem traumatisierten Irak-Heimkehrer Pete Flores, und der wurde Zeuge von der Ermordung neun asiatischer Frauen. Sheriff Hackberry gräbt die Leichen, die mit einem Bulldozer hinter einer ehemaligen Kirche knapp unter die Erde gebracht worden sind, aus.
Das ist die Ausgangslage einer breit – und tief – angelegten, aber immer auch packenden Geschichte, die wie andere Burke-Romane einen eigentümlichen Sog entwickelt, dem man sich nicht entziehen kann. Das Personal besteht aus lauter geplagten und gestörten Seelen. Die Guten sind hier nicht einfach gut, die Bösen nicht nur böse. Sheriff Holland ist ein aufrechter Mann im Dienste der Gerechtigkeit. Dem Werben seines Deputys Pam Tibbs will er nicht nachgeben, weil er befürchtet, sie zu missbrauchen. Ihn plagen bis heute Alpträume von seiner Kriegsgefangenschaft in Korea in den 1950ern, und er fühlt sich schuldig für seine früheren Jahre voller Sauferei, Korruption und Hurerei. Seine Gegenspieler sind nicht nur der völlig durchgeknallte, ständig die Bibel zitierende psychopathische Killer Jack Collins, genannt Preacher, und skrupellose Drogen- und Menschenhändler, sondern auch die Agenten staatlicher Behörden wie ICE (Immigration and Customs Enforcement, eine Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit, die nach 9/11 gebildet wurde) und FBI, die ihre eigenen Interessen verfolgen, für die sie auch unschuldige Beteiligte zu opfern bereit sind. Was Holland aber zu verhindern sucht, ob er sich dabei an den Buchstaben des Gesetzes hält oder nicht.
Ausschweifende Beschreibungen, die bei anderen Autoren schnell einmal langatmig wirken, fesseln einen bei Burke, man ertappt sich gar immer mal wieder dabei, dass man nach einem Absatz wieder zurück geht und ihn gleich nochmals liest, wofür auch dem Übersetzer Daniel Müller ein grosses Lob gebührt. Etwa wenn Preacher, seinen Fuss, in den Vikki Gaddis geschossen hat, im Gips, wartend in einer Kneipe sitzt:

In der Ecke das Saloons sorgte ein Stand-ventilator für einen Luftzug, der seinen Hosensaum flattern liess und die Haut am Rand seines Gipses kühlte. Er sass an einem Tisch vor einer weissen Tasse mit schwarzem Kaffee, von wo aus der lang gezogene, güterwaggon-ähnliche Raum wie eine Studie wirkte, wie die Reise eines Menschen vom Schoss seiner Mutter bis hin zu seinem letzten Tag auf Erden. Die Lichtstrahlen der frühen Sonne brannten auf die Saloonfenster mit der gleichen Intensität herunter, mit der die elektrischen Lampen im Kreisssaal die Neugeborenen blendeten. Der Saloon war einmal ein Tanzsaal gewesen, und auf dem Boden konnte man noch das alte Schachbrettmuster sehen. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende waren schon darüber hinweggeschritten. Menschen, die nicht innehielten, um auf ihre Füsse hinabzuschauen, und dadurch auch das sich ständig wiederholende Muster in ihrem Leben nicht erkannten.

Aus grandiosen Schilderungen von Landschaften, Lokalitäten und Wettersituationen, wie man sie auch aus den Robicheaux-Romanen kennt und liebt, aus Mystischem und Mythischem aus der Südstaaten-Welt, tiefgründigen Reflexionen, historischen und moralischen Betrachtungen, trockenem Humor aber auch immer wieder knallharter Action entwirft James Lee Burke ein authentisches Sittenbild, das Seite für Seite so packend und faszinierend ist, dass einen die Geschichte nicht mehr loslässt und man das Buch trotz des beträchtlichen Umfangs kaum einmal auf die Seite legen will. Ein Meisterwerk.

Der Autor
James Lee Burke, *1936 in Houston, Texas, publizierte in den 1960er Jahren seine ersten Bücher, die von der Kritik gelobt wurden. Doch für sein viertes Buch, «The Lost Get-Back», bekam er nur Absagen (nachdem es 1986 doch noch erschien, wurde es für den Pulitzer-Preis nominiert), und es dauerte 13 Jahre, bis er sein nächstes Buch veröffentlichen konnte. 1987 startete er mit «The Neon Rain» («Neonregen») die Serie mit Dave Robicheaux, am Anfang noch bei der Polizei in New Orleans, später Mitarbeiter des Sheriffs in der Kleinstadt New Iberia am Bayou Teche in Louisiana, die zu den besten Krimi-Reihen überhaupt zählt. Die Reihe umfasst inzwischen 20 Romane, der letzte erschien 2013, nur 11 davon sind leider auf Deutsch erschienen (zuerst bei Ullstein, später bei Goldmann). Zudem sind auf Deutsch drei der vier Romane um Hackberry Hollands Cousin Billy Bob Holland erschienen. Hackberry Holland kam erstmals 1971 in einem Roman vor, nach «Rain Gods» (2009) folgte der Hackberry-Roman «Feast Day of Fools» (2011). Burkes Werk ist vielfach preisgekrönt, zweimal wurde er mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausge- zeichnet. Burke lebt mit seiner Frau Pearl in Lolo, Montana und New Iberia, Louisiana; sie haben vier erwachsene Kinder, Tochter Alafair Burke schreibt auch Kriminalromane.

Der letzte Satz
Zumindest waren das die Lehren, die Hackberry Holland und Pam Tibbs aus ihren Erlebnissen zogen.



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